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Kulturelles Gedächtnis und soziale Einbettung von srilankisch-hinduistischen Tamilen der zweiten Generation

„Heimatland: Germany feat. Sri Lanka“. Mit diesem Label verorten sich zahlreiche in Deutschland geborene und aufgewachsene Tamilen in ihren Persönlichkeitsprofilen der virtuellen Netzwerke Schüler- und Studiverzeichnis (studiVZ). Sie sind Teil einer Folgegeneration von nahezu einer Millionen Srilankern, die seit den späten 1970er Jahren vom Inselstaat im indischen Ozean vor dem bewaffneten Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen ins Exil flohen. 2011 umfasst die srilankische Diaspora in Deutschland ca. 55 000 Menschen, mit einer Konzentration auf dem religiös pluralen Nordrhein-Westfalen. In drei Dekaden haben sich tamilische Hindus rund 34 Verehrungsstätten aufgebaut, die mit ihren multifunktionalen Aspekten eine vielseitige Tempelkultur und Räume der kulturübergreifenden Begegnungen, vor allem für NRW darstellen. Eine der zentralen Herausforderungen der Einwanderungsgeneration besteht darin, religiöse Inhalte, Traditionen und Werte an die Folgegeneration zu vermitteln. In der Regel haben die jungen Hindus jedoch bereits die deutsche Staatsangehörigkeit und scheinen sich durch eine soziale Aufwärtsmobilität und jugendkulturelle Bedürfnisse von ihrer Elterngeneration entfernt zu haben. Der tamilische Diaspora-Hinduismus bildet ein bislang nur lückenhaft erschlossenes Feld in Migrations- und Religionsforschung. Ein akademischer Grundstein wurde 2003 mit dem Sammelband Tempel und Tamilen in zweiter Heimat gelegt, der in heterogenen, ethnographischen Studien Merkmale hindu-tamilischen Lebens in der Diaspora differenziert ausgearbeitet hat (Baumann/ Luchesi/ Wilke 2003). Beiträge zur zweiten tamilischen Generation in Deutschland fanden bislang jedoch nur wenig Beachtung, insbesondere unter netzwerkanalytischen Gesichtspunkten.


Frage

Gegenstand des religionswissenschaftlichen Forschungsvorhabens sind tamilische Hindus der zweiten Generation in NRW. In einer Fallstudie werden Orte migrantischer Selbstorganisation (Tempel, tamilische Schulen, Internet, peer-groups etc.) auf Aspekte eines kollektiven, kulturellen Gedächtnisses (Assmann 1992) untersucht. Einen relationalen Ansatz verfolgend, werden die institutionelle und soziale Einbettung der Akteure dabei als zentrale Aspekte der Konstruktion einer religiösen Identität reflektiert. So soll es zu einer Verbindung der individuellen und der Netzwerkebene kommen. Als übergeordnete Fragestellung lässt sich die Folgende benennen: Wie gestaltet sich die Vermittlung von Tradition über die Generationen und wie sind religiöse Identitätsdiskurse bei der zweiten Generation beschaffen? Die institutionelle Landschaft, welche dafür näher in den Blick genommen wird, zeichnet sich durch eine Mehrfachebene aus. So werden neben der Veränderung religiöser Institutionen der ersten Generation (bedingt durch den Bedürfniswandel der zweiten Generation) auch religiöse und nationale Selbstorganisation der jungen Tamilen in peer-groups behandelt. Welche Formen der Interessenartikulation und dahinter stehende Bedürfnisse machen die zweite Generation also aus? Welche Formen von zivilgesellschaftlichem Engagement existieren? Und spielt Religion als Identitätsressource überhaupt noch eine Rolle?

 

Methode

Die Verbindung von Akteurs- und Strukturebene (qualitative Netzwerkanalyse), sowie die Behandlung von Transformationstendenzen der Tempellandschaft werden in einem innovativen Erhebungsdesign umgesetzt und systematisch mit einem Grounded Theory Ansatz (nach Strauss) sowie der Dokumentarischen Methode ausgewertet. Mittels 20 biographischer, semi-strukturierter Interviews mit tamilischen Hindus werden die religiöse Selbstbeschreibung, Erwartungen der Eltern, sowie weitere identitätstheoretisch relevante Kontextfaktoren (individuelle Migrationsgeschichte, mögliche Rückkehrwünsche und Vorstellungen einer diasporic imagined community (Brah 1996)) in den Blick genommen. Zudem werden in Experteninterviews Tempelpriester nach den Angeboten für die jungen Hindus und Zukunftsaussichten ihrer Tempel befragt. Die institutionelle Ebene wird neben den aus den Interviews gewonnenen Informationen durch teilnehmende Beobachtung  in tamilischen Tempeln Nordrhein-Westfalens analysiert. Hinzu kommt die Untersuchung der ego-zentrierten Unterstützungsnetzwerke der jungen Tamilen. Die wichtigsten Bezugspersonen für die religiöse Identitätsentwicklung werden erfragt, um das soziale Umfeld der Akteure und damit Opportunitätsstrukturen (2008)  migrantischer Selbstorganisation sichtbar werden zu lassen.