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Mediative Migrationskirchen?

Interorganisationale Vernetzung und zivilgesellschaftliche Potentiale christlicher Koreanischer Gemeinden

Die plurale, religiöse Landschaft Nordrhein-Westfalens ist vor allem das Ergebnis einer langen Zuwanderungsgeschichte in diese Region. Um die 250 Religionsgemeinschaften aus dem asiatischen Raum trugen dazu bei, dass sich NRW zu einem Ballungsraum östlicher Religionen entwickelt hat. Obwohl sie nach wie vor eine Minderheit darstellen, wird ihre Präsenz im öffentlichen Raum immer deutlicher, was daran deutlich wird, dass bereits rund 200 Gemeinden/Ortsgruppen östlicher Religionen vertreten sind. Insbesondere koreanische Christen sind in NRW vielfältig angesiedelt. Über ihre Migrationsgeschichte, die Etablierung ihrer Selbstorganisation in Vereinen und die sich daraus ergebenden zivilgesellschaftlichen Potentiale für die Mitglieder, ist wenig bekannt. Religiöse Vereine, ihre Netzwerke und ethnische Gemeinschaften erfüllen die Funktion der informellen und formellen Selbsthilfe von Migranten. Der Fokus richtet der Arbeit richtet sich auf die Beziehungen der Gemeinden untereinander, auf die Zusammenarbeit mit öffentlichen Institutionen und das religiöse Angebot, welches den Mitgliedern zur Verfügung gestellt wird. Ob  strategisch agierend oder normfolgend, sind die religiösen Gemeinden als untrennbar von ihrer Umwelteinbettung zu betrachten. So stehen koreanische Gemeinden  intern vor der Herausforderung durch aufkommenden Mitgliederschwund, z.B. in Folge von Abwanderung, dem gehobenen Alter der Mitglieder, Desinteresse der Jugend) neue Strategien in der Organisationsführung und Bestärkung religiöser Zielsetzungen zu entwickeln, um weiterhin attraktiv für die Mitglieder zu bleiben. Insbesondere die Gestaltung der Jugendarbeit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Dieser Entwicklung setzen sie oftmals ein reichhaltiges Angebot entgegen, welches von gemeinsamen Essen nach dem Gottesdienst bis hin zu aktiven Engagement in der Obdachlosenhilfe oder Jugendarbeit reicht.

 

Theoretische Einbettung/Kontext

Sowohl die interorganisationalen Vernetzungsstrategien als auch die dahinter liegenden religiösen/kulturellen Aspekte und damit einhergehende Sinnstrukturen sollen erfasst werden. Dabei muss die jeweilige Migrations- und Entstehungsgeschichte der Vereine, interne Strategien und regionale Aufnahmekontexte berücksichtigt werden. Das Erkenntnisinteresse ist weniger auf die Funktionalität oder Dysfunktionalität der Migrantenorganisationen gerichtet, sondern auf die aktive Gestaltung der Gemeindearbeit in Reaktion auf interne Entwicklungen und externe Einflussfaktoren. Für den theoretischen Rahmen der Forschungsarbeit soll eine Verknüpfung von Netzwerktheorien und Organisationstheorien erfolgen, welche auf ein religiöses Feld angewandt werden. Durch eine relational ausgerichtete religions-soziologische Perspektive sollen religiöse und sozialethische Einstellungen und deren Auswirkungen auf die Mesoebene, also der Einbettung der religiösen Gemeinden in das fremdkulturelle Umfeld der Aufnahmeregion, untersucht werden. Der relationale Ansatz, der Entitäten nicht substanzialistisch begreift, sondern sie und ihre Handlungsfähigkeit als situational eingebettet und pfadabhängig sieht, bietet sich als Ausgangspunkt an. Dieser Ansatz soll praxisorientierter im Sinne von Vásquez aufgegriffen werden. Auf diese Weise sollen die koreanischen Gemeinden hinsichtlich ihrer Einbettung im intra- und interorganisationalen Feld untersucht werden und welche Auswirkungen dies auf die Gemeindearbeit hat.

 

 

Methode

In diesem qualitativen empirischen Forschungsprojekt soll ein Methodenarrangement das Feld erschließen. An erster Stelle steht die teilnehmende Beobachtung im Rahmen von Gottesdiensten, Festen, kulturellen Veranstaltungen und informellen Gesprächen. Dadurch sollen religiöse und sozialethische Einstellungen identifiziert und in ein Verhältnis zu der Gemeindearbeit und dem Engagement der Mitglieder gesetzt werden. Zweitens sollen Materialien ausgewertet werden, die entweder von den Gemeinden selbst herausgegeben werden. Zudem werden Presseartikel und die Internetpräsenz der Gemeinden, die sich auf diese Weise darstellen, für die Auswertung hinzugezogen. Leitfadengestützte Interviews mit Vorstandsmitgliedern und engagierten Personen in den Gemeinden sollen Aufschluss über die Vereinsarbeit und ihre Entstehung, Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden (auch überregional und transnational), Kontakt zur Öffentlichkeit und religiöse Einstellungen geben. Schließlich soll  die Erhebung eines Gesamtnetzwerkes innerhalb einer ausgewählten Gemeinde, Aufschluss über den Austausch und die Nutzbarmachung von Ressourcen geben.