RUB » CERES » Religion vernetzt » Forschung
en

Die gelebte Religiosität lateinamerikanischer Pfingstler in Deutschland. Eine religionspragmatische Analyse

Die Zuwanderung christlicher Migranten nach Deutschland wurde sowohl in der wissenschaftlichen Debatte um das Themenfeld Religion und Migration, als auch von Seiten der etablierten Kirchen und Freikirchen bislang kaum thematisiert. Vor allem die Gruppe der lateinamerikanischen Pfingstler ist dabei bisher völlig außer Acht gelassen worden. Dass diese Neuankömmlinge jedoch einen wachsenden Einfluss auf die Aufnahmegesellschaft und ihre Kirchenlandschaft haben, davon zeugt der sog. „Listenprozess“ der evangelischen Landeskirche im Rheinland und in Westfalen, sowie die Einrichtung der „Latino AG“ innerhalb des Bundes freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP). Initiativen, die die Kooperation und Integration der Migrantengemeinden vorantreiben möchten. Dieses gelingt nicht in allen Fällen und scheitert häufig am fehlenden interkulturellen Verständnis von- und füreinander. Um diesem Desiderat entgegenzuwirken widmet sich das Dissertationsprojekt der Frage nach der Ausbildung und Wirkung von Sinnsystemen in lateinamerikanischen Pfingstgemeinden in Deutschland. Dabei vertrete ich eine relationale Perspektive, welche der sozialen Einbettung der Akteure Rechnung trägt, und folge dem kulturwissenschaftlich-empirischen Ansatz der Praxeologie. Dieser bietet die Möglichkeit Dynamiken und (Aushandlungs-)Prozesse zu beschreiben und zu erklären, ohne Religion dabei als Phänomen sui generis zu betrachten und einem Essentialismus zu unterliegen, der eine Heterogenisierung der Gesellschaft in den Worten eines „Clash of Civilizations“ (vgl. Huntington) beschreibt.

 

Frage

Über das normative Paradigma einer sozialwissenschaftlich arbeitenden Religionswissenschaft hinaus, bei der Handeln dem Wissen nachgeordnet ist und als Befolgen von normativen Regeln verstanden wird, soll der sozial-konstruktivistische Aspekt, d.h. die Hervorbringung von religiöser Ordnung durch repetitives menschliches Handeln, betont werden. Besondere Fokus liegt dabei auf den Unterstützungsleistungen, die diese Gemeinden entwickeln. Religion wird dabei praxeologisch verstanden, d.h.  als eine menschliche Praxisform, die sich in der Dialektik zwischen Situation und Habitus entwickelt und modifiziert. Soziale Praktiken, die sich von punktuellen Handlungen insofern unterscheiden, als sie know-how abhängige Verhaltensroutinen sind, denen kollektiv eine Bedeutung zugeschrieben wurde, stellen dabei die Einheit der Analyse dar (Reckwitz 2003). Die Bedeutungszuschreibung einer Praktik steht dabei in Relation zur sozialen Einbettung der Akteure und der Deutung der Situation (Thomas Theorem). Beidem wird, neben der Beschreibung einzelner, beobachtbarer Praktiken, besondere Aufmerksamkeit zu teil. Zentral für ein besseres Verständnis  der Religiosität lateinamerikanischer Pfingstler in Deutschland ist eine bessere Kenntnis über ihre soziale Einbettung, und ein Verständnis dafür, wie sie ihre Situation erfahren, definieren bzw. interpretieren und gemeinsam gestalten.
 

Methode

Die relationale, praxeologische Perspektive des Projektes schlägt sich auch in der Kombination unterschiedlicher empirischer Erhebungsmethoden nieder. So werden teilnehmende Beobachtung und narrative Interviews kombiniert. Die teilnehmende Beobachtung dient dabei der Erschließung der religiösen Praktiken, während die narrativen Interviews Aufschluss über das implizite Wissen der Akteure geben sollen. Neben diesen „natürlichen“ Methoden der Praxeologie (Reckwitz 2008) sollen darüber hinaus Predigten und Gebete inhaltlich analysiert werden, um neben den stummen Praktiken auch die, für die Gläubigen relevanten, religiösen Überzeugungen zu erfassen. Ergänzt wird dies mit egozentrierten Netzwerkdaten einzelner Akteure, um auch die soziale Einbettung der Akteure formal zu beschreiben und in Relation zur Situationsdeutung, wie sie in religiösen Überzeugungen formuliert ist, zu analysieren. In der Kombination der Methoden erhoffe ich mir dabei einen Einblick in die unterschiedlichen Verhältnisbestimmungen zwischen Einbettung und Situationsdeutung, sowie zwischen Situationsdeutung und religiösen Praktiken.